Ethische Argumentationslinien in Biodiversitätsstrategien
Bezug zur Nationalen Biodiversitätsstrategie
Sowohl auf nationaler als auch auf internationaler Ebene sind fundierte und gesellschaftlich anerkannte Argumentationslinien im Naturschutz notwendig, um der Umsetzung von Strategien und Maßnahmen über Expertenkreise hinaus Akzeptanz zu verschaffen. Dazu ist es erforderlich, dass sich Naturschutz-akteure einer Diskussion über die vertretenen ethischen Vorannahmen stets neu stellen. Vor dem Hintergrund der derzeitigen starken globalen Veränderungen auf ökologischer, ökonomischer und gesellschaftlicher Ebene erhält diese Reflexion des eigenen Wertesystems besonderes Gewicht. Der bewusste Umgang mit ethischen Argumenten kann zu einer verbesserten Kommunikation von Anliegen zum Schutz von Natur und biologischer Vielfalt beitragen.
Das Projekt

Die Präsidentin des Bundesamtes für Naturschutz, Frau Prof. Dr. Beate Jessel, leitet das Dialogforum Ethik ein.

Teilnehmerinnen und Teilnehmer des Dialogforum Ethik

In Gruppen wurde intensiv diskutiert

Herr Dr. Kienzl, Umweltbundesamt Österreich, im Gespräch
Im Rahmen eines BfN-Gutachtens wurden die in der Nationalen Strategie zur biologischen Vielfalt verwendeten ethischen Argumentationslinien einer Analyse unterzogen. Die darin vorgefundenen Begründungsmuster wurden anhand des Dreiklangs „Klugheit-Glück-Gerechtigkeit“ einer transparenten Neuordnung unterzogen (Eser et al., 2011):
Als Klugheitsargumente werden jene Argumente zusammengefasst, die Schutz und Nutzung der biologischen Vielfalt aus einem wohlverstandenen Eigeninteresse heraus begründen (z.B. dem kollektiven Überlebensinteresse der Menschheit). Hierunter fallen sowohl ökologische als auch ökonomische Begründungen.
Gerechtigkeitsargumente hingegen appellieren an unsere moralischen Verpflichtungen, zum Beispiel allen heute lebenden Menschen oder künftigen Generationen gegenüber.
Glücksargumente schließlich betrachten eine intakte Natur und den Umgang mit ihr als wesentliche Dimension eines guten und gelingenden menschlichen Lebens und betonen unter anderem die Vielfalt, Eigenart und Schönheit der Natur.
Alle genannten Argumentationslinien können in der Naturschutzkommunikation verwendet werden, weisen aber ihre jeweiligen und zu beachtenden Besonderheiten auf: So wird Verbindlichkeit durch Gerechtigkeitsargumente erzeugt, und Glücksargumente sprechen verstärkt Emotionen an.
Derzeit findet in einem Folgegutachten die Untersuchung der Argumentationsstruktur von Biodiversitätsstrategien ausge-wählter europäischer Staaten statt; ein Schwerpunkt bildet der Vergleich der Strategien des deutschsprachigen Raumes (D, A, CH). In diesem Zusammenhang wurde am 03. und 04. März 2011 in Stuttgart-Hohenheim das „Dialogforum Ethik: Europäische Biodiversitätsstrategien begründen und kommunizieren“ durch das Bundesamt für Naturschutz ausgerichtet. Kooperationspartner waren das österreichische Umweltbundesamt und das Bundesamt für Umwelt in der Schweiz. Mit Vertreterinnen und Vertretern aus Wissenschaft, Politik und Praxis wurde kritisch über Begründungsmuster in Biodiversitätsstrategien reflektiert und ein ethischer Diskurs auf europäischer Ebene initiiert.
Ausblick

Eine wesentliche Folgerung ist, dass die bisherigen Argumentationen für den Naturschutz und die biologische Vielfalt in Deutschland ihr Gewicht auf ökologische und ökonomische Sachverhalte legen, Klugheitsargumente also, die aber wiederum nur einen Ausschnitt der Debatte darstellen. Eine zukünftige Ausweitung der Naturschutzkommunikation auf Gerechtigkeits- und Glücksargumente ist daher dringend erforderlich.
Die Ergebnisse der Analyse ausgewählter europäischer Biodiversitätsstrategien werden gegen Jahresende als Publikation in der Schriftenreihe Naturschutz und Biologische Vielfalt erscheinen.
weiterführende Links / Publikationen
- Eser, U.; Neureuther, A.-K. und Müller, A. (2011): Klugheit, Glück, Gerechtigkeit. Ethische Argumentationslinien in der Nationalen Strategie zur biologischen Vielfalt. Schriftenreihe Naturschutz und Biologische Vielfalt 107, Landwirtschaftsverlag
Kurzdokumentation des Dialogforums Ethik
Laufzeit
Gutachten I: Oktober 2009 bis Mai 2010
Gutachten II: November 2010 bis September 2011
Förderprogramm
Gutachten
Projektträger
Prof. Dr. Albrecht Müller
Hochschule für Wirtschaft und Umwelt
Koordinationsstelle Wirtschaft und Umwelt
Schelmenwasen 4-8
72622 Nürtingen
Fachbetreuung
BfN : FG I 2.2, Dr. Christiane Schell, Andreas Mues




