Rote Liste gefährdeter Biotoptypen

Traditioneller Hutewald
Die Rote Liste der gefährdeten Biotoptypen hat erst eine relativ kurze Geschichte (Riecken 2005). Sie unterscheidet sich von denen der Arten durch eine noch stärkere Ausrichtung auf die räumliche Planung bzw. die Praxis des Biotopschutzes. Entsprechend erweitert ist das Anwendungsfeld. Im Jahre 2006 wurde die zweite Fassung der
Roten Liste der gefährdeten Biotoptypen vorgelegt (Riecken et al. 2006).
Rote Liste der Biotoptypen und Naturschutzpraxis
Neben dem Grad der Natürlichkeit von Lebensräumen spielt die Gefährdungssituation eine wichtige Rolle bei naturschutzfachlichen Bewertungen. Verzeichnisse gefährdeter Biotoptypen stellen eine parallel einzusetzende Ergänzung zu den Roten Listen der Arten dar, deren besonderer Vorteil in dem vollständigen Raumbezug liegt. Die Roten Listen gefährdeter Biotope sind dabei entsprechend als ein flächendeckend nutzbares Bewertungsinstrument einsetzbar. Die Rote Liste gefährdeter Biotoptypen Deutschlands verzeichnet alle Biotoptypen, also auch die ungefährdeten. In einem speziellen Teil findet sich zudem eine Reihe weiterer planungsrelevanter Informationen. Hierzu gehören Definitionen mit den wesentlichen standörtlichen und strukturellen Merkmalen. Zusammen mit den ebenfalls verzeichneten zugehörigen Pflanzengesellschaften wird dadurch eine klare Ansprache im Gelände ermöglicht. Diese Informationen werden durch die Angabe der Zugehörigkeit zu den besonders geschützten Biotopen gemäß § 30 BNatSchG und zu den Lebensraumtypen von gemeinschaftlichem Interesse gem. FFH-Richtlinie (Anh. I) ergänzt. Schließlich finden sich Angaben zur Regenerationsfähigkeit von Biotoptypen, die wertvolle Hinweise für die Beurteilung der Nachhaltigkeit bzw. Ausgleichbarkeit geplanter Eingriffe in Natur und Landschaft geben können. Durch diese Bündelung von Informationen bietet sich die Rote Liste Biotoptypen als ein breit angelegtes Referenzwerk für räumliche Planungen an.
Gefährdungssituation
In der aktuellen Fassung der Roten Liste werden 690 Biotoptypen (ohne "technische Biotoptypen") unterschieden (1994: 490).
Über zwei Drittel (72,5 %) aller vorkommenden Biotoptypen sind in Deutschland als gefährdet eingestuft. Der Anteil der vollständig vernichteten Biotoptypen hat auf 0,3 % zugenommen. In 1994 musste nur die "Bank der Europäischen Auster der Flachwasserzonen der Nordsee" (Typ 03.02.03.04) in die Kategorie 0 eingestuft werden. Mit dem Typ 44.03.06.01 (Naturnaher autochthoner Fichten-Tannenwald der planaren und collinen Stufe) ist in der aktuellen Fassung ein weiterer Biotoptyp verzeichnet, der als vollständig vernichtet gelten muss. Dieser auch ursprünglich sehr seltene Typ war in der Fassung von 1994 noch nicht verzeichnet. Entsprechend bedeutet dieser Zuwachs keine Verschlechterung der Situation sondern nur, dass hier eine Datenlücke geschlossen werden konnte. Heute findet sich von diesem Typ nur noch die degradierte Variante (44.03.06.02).
Der Anteil der von vollständiger Vernichtung (Kat. 1 und 1-2) bedrohten Biotoptypen hat auf 13,8 % abgenommen. Bei diesen Biotoptypen zeigen die eingeleiteten Schutzbemühungen offensichtlich bereits erste Erfolge. Die stark gefährdeten und gefährdeten Biotoptypen haben jedoch anteilsmäßig zugenommen (Kat. 2 und 2-3: 32,7 % -> 34,6 %; Kat. 3: 20,8 % -> 23,8 %). Das bedeutet, dass bestimmte 1994 noch als ungefährdet eingestufte Biotoptypen mittlerweile einer Gefährdung unterliegen.
Auch der Anteil seltener (2006 Kategorie R; 1994: Kategorie p), aber aktuell ungefährdeter Typen ist geringfügig von 1,2 % auf 1,7 % angewachsen.
Aktuelle Tendenz
Die aktuelle Bestandsentwicklung von Biotopen kann eine andere sein als die historische, die mit den üblichen Rote-Liste-Kriterien und -Kategorien für die Gefährdungsbeurteilung basierend auf der Analyse der Entwicklung über die letzten 50 - 150 Jahre ermittelt wird. Die Beurteilung der aktuellen Tendenz stellt, basierend auf der Entwicklung etwa der letzten 10 Jahre, eine Prognose für die nähere Zukunft (max. 10 Jahre) dar. Dabei ist zu berücksichtigen, dass die künftige Entwicklung bei sich oft kurzfristig verändernden Rahmenbedingungen (z.B. Novellierungen der EU-Agrarförderung) oder aber auf Grund längerfristig wirksamer Entwicklungen (z.B. Klimawandel), deren Auswirkungen erst ungenügend bekannt sind, durchaus negativer verlaufen kann als hier prognostiziert. Umgekehrt ist es auch möglich, dass in bestimmten Bereichen Naturschutzbemühungen und -regelungen (FFH-Richtlinie, Wasserrahmenrichtlinie) zu einer günstigeren Entwicklung führen können.
Die Auswertung der aktuellen Situation (letzten 10 Jahre bzw. Prognose für die nächsten 10 Jahre) zeigt, dass insgesamt etwas weniger als die Hälfte aller gefährdeten Biotoptypen (44,9 %; ohne "technische" Biotoptypen 51-54) in ihrem derzeitigen Bestand als stabil gelten können. Etwa gleich viele (43,9 %) weisen aktuell (noch) eine negative Tendenz auf. 5,4 % nehmen sogar zu. Im terrestrischen Bereich betreffen die Zuwächse allerdings überwiegend Brachen sowie bestimmte von Gehölzen geprägte Lebensraumtypen, die dann mit den Rückgängen vonaus naturschutzfachlicher Sicht wertvolleren Biotoptypen korrespondieren. Dieser Zuwachs stellt somit vielfach keine aus Naturschutzsicht wirklich positive Entwicklung dar.
Regenerierbarkeit
Die Gefährdung eines Biotoptyps ist u.a. auch von der Wiederherstellbarkeit bzw. Nichtwiederherstellbarkeit, seiner Eigenart bzw. seiner "Regenerationsfähigkeit" und "Belastbarkeit" abhängig. Unter "Regenerationsfähigkeit" wird in diesem Zusammenhang sowohl das biotopeigene Potenzial zur selbständigen Regeneration nach Beendigung negativer Beeinträchtigungen als auch die Möglichkeit einer Wiederentwicklung ("Regenerierbarkeit") durch gestaltendes Eingreifen des Menschen (Biotopsanierung, -renaturierung, -neuschaffung usw.) verstanden.
Die "Regenerationsfähigkeit" ist in der Regel von der benötigten Entwicklungszeit (oder gar der notwendigen historischen Kontinuität) und der Möglichkeit abhängig, geeignete abiotische Standort- und Rahmenbedingungen neu zu schaffen. Unter dem Begriff "Standortbedingungen" werden zunächst die klassischen Parameter wie Feuchte, Nährstoffgehalt usw. verstanden. Er umfaßt aber auch die konkrete "kulturhistorische Gesamtsituation", die für die Entstehung bestimmter Biotoptypen verantwortlich war. Weiterhin wird die Regenerationsfähigkeit auch von einem Komplex gesamtlandschaftlicher Zusammenhänge beeinflusst. Hierzu zählt beispielsweise die Erreichbarkeit der hierfür vorgesehenen Flächen für typische Arten im Rahmen von Wiederbesiedlungsprozessen.
Rund 25,7 % der gefährdeten Biotoptypen wurden als nicht oder kaum regenerierbar (Kat. N bzw. K) eingestuft.
Bei all diesen Typen ist davon auszugehen, dass Bestandseinbußen zumindest innerhalb planbarer bzw. überschaubarer Zeiträume weder im Rahmen natürlicher Entwicklungsprozesse noch durch gezielte Maßnahmen des Naturschutzes kompensiert werden können.
In etwas abgeschwächter Form gilt dies auch für jene 28,4 %, die als schwer regenerierbar (Kat. S) gelten können.
Nach derzeitigem Kenntnisstand sind nur 20,7 % der gefährdeten Biotoptypen in überschaubaren Zeiträumen (bis ca. 15 Jahre) bedingt regenerierbar (Kat B).
Diese Informationen sind vor allem im Zusammenhang mit der Beurteilung der Ausgleichbarkeit von Eingriffen bedeutsam.



