4. "GEO-Tag der Artenvielfalt"
Hauptaktion auf der Insel Vilm: 2098 Arten wurden bestimmt - Europaweit Aktionen von über 200 Gruppen mit weit über 10 000 Teilnehmern
Auf der Insel Vilm, "Kernzone" des Biosphärenreservats Südost-Rügen, wächst seit Jahrhunderten ein Eichen- und Buchenwald. Ungenutzt. Ungestört - einzigartig. Denn der Mensch ist hier nichts als ein geduldiger Beobachter - und so darf auf dem nur 94 Hektar großen Eiland gedeihen, was zur Rarität in unserem übernutzten, zersiedelten Land geworden ist: "Natur pur". Denn nur auf 0,51 Prozent der Fläche Deutschlands gehört die Natur ausschließlich sich selbst und darf ihrem eigenen Rhythmus von Werden und Vergehen folgen.
Deshalb ist die Insel eine Schatzkammer der Biodiversität - und die wurde beim 4. "GEO-Tag der Artenvielfalt" am 8. Juni 2002 untersucht: Genau 24 Stunden lang durften 35 Experten, mit einer Sondergenehmigung ausgestattet, auf friedliche Jagd nach Säugetieren, Vögeln, Käfern und Nachffaltern gehen, durften Strandgut untersuchen und Bäume bestimmen. Auch auf und im "Bodden", der Vilm umgebenden Flachwasserzone, waren Wissenschaftler unterwegs, auf der Spur von Meeresfauna und -flora. In der "Goor", einem jungen Naturschutzgebiet auf Rügen, schließlich untersuchten Forscher ein Mosaik verschiedener Landschaftstypen nach ihrer Artenzusammensetzung: Moor und Strand, Schilfgürtel und Sandkliff, Waldsaum und Trockenrasen. Insgesamt beteiligten sich über 100 Experten an der Natur-Inventur.
Das beachtliche Ergebnis des "Bio-Blitzes": 2098 Arten.
Doch nicht nur die hohe Zahl, die schiere Quantität, zählt. Denn Biodiversität ist ein Qualitätsbegriff: Auf das Mosaik unterschiedlichster Lebensnischen kommt es an, auf die Zusammensetzung der Artengemeinschaft, auf die Existenz von "Spezialisten": vom Eisvogel über das Ostsee-Vergissmeinnicht bis zum seltenen Moos Bryum warneum - allesamt rare und damit wertvolle Ausreißer aus der anderswo so häufig anzutreffenden Norm-Natur.
GEO-Tag der Artenvielfalt: Eine Idee macht Karrriere
Ins Leben gerufen wurde die alljährliche Natur-Inventur im Jahr 1999. Zusammen mit einem Partner, in diesem Jahr das Bundesamt für Naturschutz (BfN), organisiert GEO alljährlich eine Hauptveranstaltung, über deren Ergebnisse das Magazin ausführlich in seiner Septemberausgabe und mit einer Extra-Beilage berichtet.
Doch die Aktion lebt von der Initiative vieler Menschen an vielen verschiedenen Orten, hauptsächlich in Deutschland, in der Schweiz, in Österreich, aber auch in anderen europäischen Nachbarländern - und in diesem Jahr sogar in der chinesischen Provinz Yunnan. Insgesamt folgten 2002 wieder über 200 Gruppen mit weit über 10 000 Teilnehmern dem Aufruf, die "Natur vor der Haustür" 24 Stunden lang zu beobachten und zur registrieren. Darunter waren Universitätsprofessoren genauso wie Schulkinder, die einen Tag lang zu Naturforschern wurden.
Mitveranstalter waren wieder Museen (z.B. das Naturhistorische Museum Basel), Naturschutzverbände (z.B. der Bund Naturschutz Hassberge, die Kreisgruppe Passau des Landesbundes für Vogelschutz), Gemeinden (z.B. List auf Sylt), Umweltministerien (z.B. des Saarlandes), Kindergärten (z.B. in Rothenburg/Wümme) - und viele naturbegeisterte Laien.
Sie alle haben versucht, an diesem Tag möglichst viele Arten zu bestimmen. Doch Rekord ist nicht wichtig bei der Natur-Inventur. GEO-Chefredakteur Peter-Matthias Gaede zu den Zielen des Artenvielfalt-Tages: "Wir alle zusammen wollen mit diesen Aktionen den Beweis antreten, dass Natur in Mitteleuropa noch etwas anderes ist und sein muss als Straßenbegleitgrün. Wir wollen Blick und Bewusstsein schärfen für die schützenswerte Biodiversität in unserer unmittelbaren Umgebung. Selbst wenn unsere Naturräume auf den ersten Blick unspektakulärer erscheinen als die tropischen Regenwälder - auch wir sind reich. Diesen Reichtum können wir nur schützen, wenn wir ihn kennen, verstehen und achten."
Dazu wird der "GEO-Tag der Artenvielfalt" auch im Jahr 2003 seinen Beitrag leisten.
Der "GEO-Tag der Artenvielfalt" wird unterstützt von Ricola.
