Die Nordvorpommersche Waldlandschaft
Die Region und Ausgangssituation


Die "Nordvorpommersche Waldlandschaft" ist ein ausgedehntes Waldgebiet im Nordosten von Deutschland, südwestlich der Hansestadt Stralsund. Das Kerngebiet ist 15.254 ha groß und entspricht in seiner räumlichen Ausdehnung dem gleichnamigen EU-Vogelschutzgebiet. Über 50 Prozent des Kerngebiets sind bewaldet (7.700 ha).
Charakteristisch sind artenreiche Laub- und Mischwälder, die im Verbund mit vermoorten Niederungen, Fließ- und Stillgewässern sowie Offenlandbereichen ein kleinstrukturiertes Mosaik bilden, das von weiträumigen Feldern umgeben ist. Das Projektgebiet ist durch einen oberflächennahen Wasserhaushalt und basenreiche Bodenverhältnisse geprägt. Das Baumartenspektrum der Wälder entspricht weitgehend der heutigen potenziellen natürlichen Vegetation mit einem überdurchschnittlich hohen Anteil in der Altholzphase. Etwa 60 Prozent des Waldes befinden sich in Privatbesitz. Der Schreiadler, dessen Bestand stark gefährdet und rückgängig ist, brütet im Projektgebiet in verhältnismäßig hoher Zahl. Weitere besondere, im geplanten Projektgebiet vorkommende Tierarten sind z.B. Kranich, Mopsfledermaus, Eremit und Großer Feuerfalter.
Das Projektgebiet liegt in einem strukturschwachen ländlichen Raum, der von Arbeitslosigkeit, Abwanderung und Infrastrukturausdünnung betroffen ist. Die Wirtschaftsstruktur ist von der land- und forstwirtschaftlichen Nutzung bestimmt. Daneben bestehen erst Ansätze zur touristischen Entwicklung des Gebietes.
Die Vision


Die Leitidee des Vorhabens ist es, den Brutwald des Schreiadlers zu schützen und sein Nahrungshabitat zu sichern. Dazu soll u. a. im Bereich des Horstschutzareals durch geringe Nutzungsintensität und lokalen Nutzungsverzicht das Auflichten von Altholzbeständen weitestgehend vermieden werden und vorrangig ein hoher Schlussgrad im Kronendach erhalten werden. Eine Förderung langer, stark gegliederter innerer und äußerer Waldränder ist vorgesehen.
Die Vision zielt außerdem darauf ab, das Kerngebiet über den speziellen Artenschutz hinaus zu entwickeln. Dafür sollen z. B. auf Grundlage vertraglicher Vereinbarungen die für die Landesforstanstalt verbindlichen Ziele und Grundsätze einer naturnahen Forstwirtschaft auch in Privatwäldern umgesetzt werden. Außerdem soll der Umbau von wasserzehrenden Nadelholzbeständen, insbesondere in Nachbarschaft zu Waldmooren und Erlen-Eschenwäldern, vorangetrieben werden. Bei allen Maßnahmen sollen die relevanten Akteure vor Ort partnerschaftlich eingebunden werden. Des Weiteren sind Maßnahmen zur Umweltbildung und Öffentlichkeitsarbeit geplant, wie naturkundliche Exkursionen, die die Region erlebbar machen.
Sozioökonomisches Ziel ist u. a. die Schaffung von Arbeitsplätzen durch den Aufbau von touristischen Angeboten, vor allem im Naturtourismus. Als Alleinstellungsmerkmal soll der Schreiadler im touristischen Marketing genutzt werden. Darüber hinaus sollen die Nachhaltigkeit der Landnutzung gestärkt werden und neue Vermarktungsmöglichkeiten für land- und forstwirtschaftliche Produkte erschlossen werden. Es wird beispielsweise angestrebt, durch Kooperation mit regional ansässigen holzverarbeitenden Betrieben den Holzeinschlag verstärkt für regionale Weiterverarbeitungsprozesse zu nutzen.
Das Projekt zielt auch darauf ab, die regionale Identität zu stärken, die Akzeptanz für Naturschutzvorhaben zu erhöhen und die Zuwanderung in die Region zu fördern. In erster Linie sind hierfür Informationsmaßnahmen wie die regelmäßige Berichterstattung in der regionalen Presse und ein Internetportal geplant. Ebenso ist die Einbindung von Schulen vorgesehen und eine Bündelung der Vermarktungsinitiativen von leer stehenden Häusern über ein Internetportal.
Die Partnerschaft
Das Projekt wird bisher vom Landkreis Nordvorpommern, vertreten durch den Landrat, getragen und koordiniert. Zur Umsetzung des Projekts ist die Gründung eines Landschaftspflegeverbands geplant. Nach dem Prinzip der Drittel-Parität sollen hier Landnutzer, Gemeinden und Verbände gleichberechtigt die Umsetzung des Projekts vorbereiten und begleiten. Eine regionale Partnerschaft mit Akteuren aus vielfältigen, relevanten Bereichen hat sich bereits zusammengefunden, u. a. aus Politik und Verwaltung, Naturschutz, Forstwirtschaft, Landwirtschaft/ Wasserwirtschaft, Tourismus und anderen gewerblichen Wirtschaft, ehrenamtliche Vereine und öffentlich-private Partnerschaft-Gremien. Die regionale Partnerschaft wird fachlich und wissenschaftlich begleitet vom Ministerium für Landwirtschaft, Umwelt und Verbraucherschutz Mecklenburg-Vorpommern, dem Landesamt für Umwelt, Naturschutz und Geologie, Güstrow, dem Staatlichen Amt für Umwelt und Natur, Stralsund, und der Universität Greifswald.
Bewertung
Das Projektgebiet ist sehr großflächig angelegt. Es handelt sich um einen besonders waldreichen, naturnahen Ausschnitt der Landschaft auf jungpleistozänen Lehmplatten, die ausschließlich in Vorpommern anzutreffen sind.Das Gebiet ist von herausragender naturschutzfachlicher, v. a. faunistischer Bedeutung; es bietet u. a. Lebensraum für viele seltene Vogelarten, wie u. a. Eisvogel, Schwarzspecht, Mittelspecht, Sperbergrasmücke, Neuntöter, Wachtelkönig, Rohrdommel, Weißstorch, Rohrweihe, Wespenbussard und Rotmilan. Zudem gewährleisten die geringen Siedlungs- und Verkehrsinfrastrukturen störungsarme Rückzugsräume. Ein hohes Potenzial wird auch für die Inwertsetzung des Naturraumpotenzials gesehen, vor allem im Tourismus wie auch im Forstbereich.
An Vorarbeiten und bestehende regionalwirtschaftliche Planungen wird konsequent angeknüpft. Die Umsetzungsideen im Tourismus bauen auf der speziellen Situation der Region auf, z. B. im Hinblick auf den benachbarten Nationalpark Vorpommersche Boddenlandschaft. Eine starke regionale Identität ist gegeben und soll zusätzlich durch die Identifizierung mit dem seltenen Schreiadler – auch Pommernadler genannt – gestärkt werden.
