Neue Studie: Kulturlandschaft der Mittelgebirge müssen in Kooperation mit Landwirtschaft und Naturschutz erhalten werden
Bonn, 25.07.2002: "Die Erhaltung der Kulturlandschaften der Mittelgebirge nutzt der Erholung des Menschen ebenso wie der biologischen Vielfalt. Aus ökologischer, ökonomischer und sozialer Sicht ist deshalb die Sicherung und Weiterentwicklung einer naturverträglichen Landbewirtschaftung die gesellschaftlich günstigste Option für die Zukunft der Mittelgebirgslandschaften." Dies ist die zentrale Botschaft der kürzlich veröffentlichten Ergebnisse eines zweijährigen Erprobungs- und Entwicklungsvorhabens des Bundesamtes für Naturschutz. Durchgeführt wurde das Vorhaben in der Fränkischen Alb durch den Landschaftspflegeverband Mittelfranken in Kooperation mit Prof. Gerd Aufmkolk "Werkgemeinschaft Freiraum", Nürnberg.
"Ohne Gegenmaßnahmen werden Weltmarktkonkurrenz und zunehmende Liberalisierung der Agrarmärkte zu einem Rückzug der Landwirtschaft aus den Mittelgebirgslagen führen", erklärt Prof. Dr. Hartmut Vogtmann, Präsident des Bundesamtes für Naturschutz. "Der Charakter der Landschaften würde sich völlig ändern. Nach und nach würde eine fast flächendeckende Wiederbewaldung einsetzen. Der Erholungswert würde dramatisch sinken, die biologische Vielfalt zurückgehen und viele Arbeitsplätze verloren gehen. Dies wird in der Studie in Zahlen, Karten und Landschaftsbildsimulationen eindrucksvoll belegt", so Vogtmann.
Neben der Erarbeitung, Analyse und Bewertung verschiedener Entwicklungsszenarien, war es Ziel der Studie, Interessen, Ziele und Bereitschaft der Bevölkerung zu einer nachhaltigen Entwicklung der Kulturlandschaften der Mittelgebirge zu untersuchen. Zu diesem Zweck wurden in der Region mit hohem Engagement Arbeitskreise zu verschiedenen Zukunftsthemen durchgeführt, z.B. Chancen der Tourismusentwicklung, Landschaftspflege als zusätzlicher Betriebszweig, Ökolandbau, Regionalvermarktung. "Die Ergebnisse des Vorhabens haben den Arbeitsansatz und die Leitziele der Landschaftspflegeverbände bestätigt. Die 136 Landschaftspflegeverbände in Deutschland werden auch in Zukunft ihre Aktivitäten auf eine enge Verzahnung des Natur- und Umweltschutzes mit dem Leben und Wirtschaften der Menschen in den Regionen ausrichten", erläutert Josef Göppel, Vorsitzender des Deutschen Verbandes für Landschaftspflege (DVL) und des Landschaftspflegeverbandes Mittelfranken das Vorgehen im Projekt. "Das Projekt hat gezeigt, dass die Aufrechterhaltung und Entwicklung kleinstrukturierter, historisch gewachsener Kulturlandschaften nicht nur der Artenvielfalt und dem Naturhaushalt dienen, sondern letztendlich auch aus gesellschaftlicher Sicht eine sozial und ökonomisch sinnvolle Lösung darstellen", so Göppel.
Für Prof. Gerd Aufmkolk, freier Landschaftsarchitekten BDLA, der mit seinen Grundlagenarbeiten zur Studie den Deutschen Landschaftsarchitekten-Preis Preis gewann, "kann es nicht Ziel sein, die historisch gewachsene Situation der Mittelgebirgslandschaften einfach festschreiben zu wollen. Es müssen Lösungen gefunden werden, die die Ansprüche der Bevölkerung und der Landnutzer mit dem Erhalt der biologischen Vielfalt unter den aktuellen gesellschaftlichen Bedingungen in Einklang bringen. Hierzu sind kreative Lösungen nötig, aber auch eine engere Kooperation zwischen Landschaftsplanung, Erholungsplanung und der wirtschaftlichen und landwirtschaftlichen Förderung des ländlichen Raums."
Nach Meinung des BfN-Präsidenten Vogtmann bestätigt die Studie die Forderungen des Naturschutzes nach einer weitergehenden Änderung der alten Agrarpolitik: "Die in der Studie als gesellschaftlich vorteilhaft gekennzeichneten Entwicklungslinien lassen sich nur realisieren, wenn ein weiteres Umschwenken erfolgt; weg von der traditionellen, produktionsorientierten Agrarförderung, hin zu einer integrierten, naturverträglichen ländlichen Entwicklung."
Hinweis:
Beate Krettinger, Fritz Ludwig, Dieter Speer, Gerd Aufmkolk und Sigrid Ziesel: Zukunft der Mittelgebirgslandschaften. Szenarien zur Entwicklung des ländlichen Raums am Beispiel der Fränkischen Alb. - Herausgegeben vom Bundesamt für Naturschutz, Bonn - Bad Godesberg, 2001, 128 S. Bezug über: BfN-Schriftenvertrieb im Landwirtschaftsverlag, 48084 Münster, Tel. 02501 / 801-300 oder Fax: -351 oder im Internet unter
www.lv-h.de, Preis: 12 Euro
Hintergrund
Was ist die gemeinsame Strategie von Landnutzung und Naturschutz für die Mittelgebirgslandschaften Deutschlands?
Landschaften der Mittelgebirge sind häufig gekennzeichnet durch ein reichhaltiges Mosaik aus land- und forstwirtschaftlicher Nutzung. Die Vielfältigkeit der Landschaft und eine eher geringe Nutzungsintensität prädestinieren sie als Ort für Freizeit und Erholung ebenso wie als Standort einer noch reichhaltigen Flora und Fauna. Diese Qualitäten werden durch agrarstrukturelle Entwicklungen schleichend entwertet.
Anhand von Szenarien verdeutlicht und vergleicht die Studie mögliche zukünftige Entwicklungspfade: von einer rigorosen Anpassung an die Anforderungen einer ausschließlich wettbewerbsorientierten Weltmarktproduktion über das Laissez-faire Szenario von weiterer Nutzungsaufgabe und zunehmender Wiederbewaldung bis hin zu aktiver Gegensteuerung im Sinne einer naturverträglichen, nachhaltigen Entwicklung.
Die Strategie der Erhaltung landwirtschaftlicher Nutzung bei gleichzeitiger Orientierung auf naturverträgliche Produktionsweisen erhält im Vergleich die günstigste Bewertung.
Vertiefende Informationen sind in der BfN-Pressestelle unter Tel. 0228/8491-280 oder im Internet unter
www.bfn.de erhältlich.
