Extensive Weidelandschaften - ein zukunftsträchtiges Konzept für Naturschutz und Landwirtschaft auch in Deutschland
- Lüneburger Erklärung zu Weidelandschaften und Wildnisgebieten verabschiedet:
Lüneburg/Hamburg/Bonn, 26.09.2003: Nach Einschätzung der Fachleute werden großflächige, extensive Beweidungssysteme künftig eine wichtige Rolle bei dem Erhalt wertvoller Offenlandschaften in Europa spielen. "Es wird zudem deutlich, dass solche Beweidungssysteme auch geeignet sind, einer extensiven und damit naturverträglichen Grünlandnutzung in Deutschland neue Perspektiven zu öffnen", sagte Hardy Vogtmann, Präsident des Bundesamtes für Naturschutz (BfN), anlässlich einer Tagung zu neuen Wegen der Kulturlandschaftspflege in Lüneburg. An der Veranstaltung nahmen 160 Experten aus Naturschutz und Landwirtschaft auf Einladung des Bundesamtes für Naturschutz und der Universität Lüneburg teil.
Nach Ansicht des BfN-Präsidenten müsse die Neuausrichtung der europäischen Landwirtschaft, die mit den Luxemburger Beschlüssen eingeleitet worden sei, konsequent weiterverfolgt werden. Darin läge eine große Chance für die Erhaltung einer artenreichen Kulturlandschaft, so Vogtmann.
Auf der Fachtagung an der Universität Lüneburg waren die Erkenntnisse aus zahlreichen Forschungs- und Modellvorhaben vorgestellt worden, die in den letzten vier Jahren insbesondere vom Bundesamt für Naturschutz und vom Bundesministerium für Bildung und Forschung (BMBF) zu dieser Thematik gefördert wurden. Als praktisches Beispiel wurde den Fachleuten das Modellprojekt "Halboffene Weidelandschaft Höltigbaum" bei Hamburg vorgestellt. In diesem Projekt der Stiftung Naturschutz Schleswig-Holstein, das vom BfN und den Bundesländern Schleswig-Holstein und Hamburg gefördert wird, beweiden Galloway-Rinder eines Ökolandbaubetriebes und Schafe ein ca. 220 ha großes Areal.
Zum Abschluss der Tagung machten die Teilnehmer in der "Lüneburger Erklärung zu Weidelandschaften und Wildnisgebieten" deutlich, wie die Rahmenbedingungen verändert werden müssen, damit solche Weidesysteme auch in Deutschland eine breite Anwendung in der Praxis finden können. Die wichtigsten Forderungen sind:
Festsetzung regional einheitlicher, flächenbezogener Betriebsprämien für landwirtschaftliche Betriebe im Zuge der Umsetzung der Luxemburger Beschlüsse zur Agrarreform in Deutschland
Die Festsetzung regionalisierter flächenbezogener Betriebsprämien muss dabei die regional unterschiedlichen Standortbedingungen berücksichtigen. Betriebsspezifische Prämien, wie sie von anderer Seite gefordert werden, die sich an der Höhe der im Zeitraum von 2000 bis 2002 gezahlten Förderungen ausrichten, bewirken dagegen, dass die bisherige ungünstige Entwicklung von zunehmender Nutzungsaufgabe auf benachteiligten Standorten einerseits und immer intensiverer Bewirtschaftung auf landwirtschaftlichen Gunststandorten weitergeht. Durch die Einführung regionalisierter flächenbezogener Prämien kann die Voraussetzung für eine flächendeckend extensivere und damit nachhaltigere Nutzung der landwirtschaftlichen Flächen geschaffen werden.
Gezielte Förderung großflächiger extensiver Beweidungssysteme durch entsprechende Ausgestaltung der Agrarförderung
Die ökologische Leistung solcher Beweidungssysteme sollte durch einen Mix aus flächenbezogener Grünlandprämie und Leistungen aus den Agrarumweltprogrammen honoriert werden. Eckpunkt entsprechender Programme müssen u.a. die ganzjährige Beweidung mit regionalspezifisch festgelegten Beweidungsdichten, eine Mindestflächengröße von 20 bis 40 ha und eine Zulassung von bis zu 20 % Gehölzanteil auf den zu fördernden Flächen sein.
Anpassung veterinär- und tierschutzrechtlicher Bestimmungen und der Viehverkehrsordnung an die besonderen Bedingungen großflächiger Weidesysteme
Insbesondere die bestehenden Verpflichtungen zur zeitnahen Markierung von Kälbern, zur täglichen Kontrolle der Tiere und zur regelmäßigen Blutbeprobung müssen in geeigneter Weise für solche Beweidungssysteme modifiziert werden. Auch müsste die Entnahme von Tieren zur Vermarktung in großen bzw. sehr unübersichtlichen Gebieten durch Abschuss zugelassen werden.
Entwicklung eines Verhaltenscodexes für Gebietsbetreuer von großflächigen Weidesystemen hinsichtlich der Tierbetreuung
Hinsichtlich des Umgangs mit kranken oder sterbenden Tieren in großflächigen Beweidungssystemen ist die Entwicklung eines bundesweit einheitlichen Verhaltenscodexes notwendig, der sowohl die artgerechte Haltung als auch die Großflächigkeit berücksichtigt. Dabei ist zwischen Gebieten mit einer landwirtschaftlichen Ausrichtung und Wildnisgebieten zu differenzieren.
Neuregelung des rechtlichen Status von "halbwilden Nutztieren" in Wildnisgebieten
Um die naturschutzfachlichen Ziele in großflächigen "Wildnisgebieten" erfüllen zu können, sind neben den wild vorkommenden großen Pflanzenfressern auch robuste Pferde- und Rinderrassen in den dafür vorgesehenen Gebieten einzusetzen. Diese Tiere sollen sich weitestgehend unbeeinflusst in sozialen Herden frei im Gebiet entwickeln können. Damit für sie ähnliche rechtliche Bestimmungen gelten wie für Wildtiere, ist es erforderlich, einen eigenen rechtlichen Status als "Halbwildtiere" auch auf der EU-Ebene zu verankern.
Wiedereinbürgerung von Großtieren in Deutschland
Damit sich perspektivisch wieder großflächige Wildnisgebiete in Deutschland entwickeln können, ist die geeignete Wiedereinbürgerung ausgerotteter bzw. verdrängte Großtiere wie zum Beispiel Elch, Wisent, Luchs und Wolf zu fördern. Dem Rothirsch sollte eine flächendeckende Besiedlung aller geeigneten Bereiche in Deutschland ermöglicht werden.
Anpassung naturschutz- und forstrechtlicher Bestimmungen an die Erfordernisse großflächiger Weidesysteme
Um großflächige, extensive Weidesysteme ohne Ausgleichs- und Ersatzmaßnahmen einrichten zu können, bedarf es der Anpassung einschlägiger Bestimmungen. So müssen Ausnahmen bei dem gesetzlichen Verbot der Beweidung bestimmter Biotoptypen für solche Systeme zugelassen werden. Dies gilt insbesondere für die Einbeziehung von Waldbeständen in solche Weidelandschaften. Auch bedarf es einer Anpassung forstrechtlicher Bestimmungen, um den Erhalt bzw. die Wiederherstellung von Hudewäldern unter Einbeziehung der großen Pflanzenfresser zu ermöglichen.
Verstärkte Öffentlichkeitsarbeit für Weidelandschaften und Wildnisgebiete
Die bislang mit großflächigen Weidesystemen im In- und Ausland gemachten Erfahrungen müssen einem breiten Publikum vermittelt werden. Zielgruppen sind hier neben dem Naturschutz insbesondere die Land- und Forstwirtschaft und der Tourismus. Die "Unordnung" von Wildnisgebieten stößt in der Bevölkerung, insbesondere im ländlichen Raum, vielfach auf Ablehnung. Daher muss für den naturschutzfachlichen Wert und die Schönheit von "ungepflegten Wildnisgebieten" offensiv geworben werden.
Lüneburger Erklärung zu Weidelandschaften und Wildnisgebieten (pdf)
Weitere Informationen können beim Bundesamt für Naturschutz, Referat Presse, Öffentlichkeitsarbeit, Konstantinstr. 110, 51379 Bonn, Tel.: 0228-8491-280 angefordert werden.
