Landschaft der Industriekultur Nord
Die Region und Ausgangssituation


Das Projektgebiet ist eine charakteristische Folgelandschaft des Untertage-Bergbaus: kleinteilig, dicht besiedelt, vielfach überplant und von zahlreichen Verkehrswegen zerschnitten. Es liegt mitten im Saarland zwischen den Gemeinden Illingen, Hüttigweiler/ Stennweiler, Neunkirchen, Friedrichsthal und Quierscheid. Der überwiegende Teil der Wettbewerbsregion gehört zur "Landschaft der Industriekultur Nord", einem Teilgebiet des Regionalparks Saar. Die Region verfügt über eine Vielzahl typischer Lebensräume einer durch industrielle Nutzung geprägten Landschaft, von Haldenschüttungen und Absinkweihern bis hin zu Magerrasen und Streuobstwiesen.
Seine besondere naturschutzfachliche Bedeutung erhält die Region durch die Komplexität und Verbundenheit vielfältiger Biotope auf kleinem Raum. Die aus einem "Nutzungsmix" entstandene ökologische Vielfalt und Besonderheit der altindustriellen Brachen ist gekennzeichnet durch viele schützenswerte und bedrohte Arten, wie Gelbbauchunke und Wechselkröte, ferner wertvolle Bestände von Magerrasen sowie von Pfeifengras- und Borstgrasrasen mit dem einzigen saarländischen und zugleich einem der westlichsten Vorkommen des Nordischen Labkrautes. Die Projektregion umfasst 830 ha Natura 2000-Gebiete, 226 ha NSG und 3.027 ha LSG. Die bestehenden Lebensräume sind insbesondere durch Umnutzung der ehemaligen Bergbaustandorte, Sukzession auf den Bergehalden, Nutzungsaufgabe und Flächenbeanspruchung im Offenland sowie weitere Zerschneidung bedroht.
Aufgrund der Entwicklung in Bergbau und Stahlindustrie leidet das regionale Selbstbewusstsein seit 40 Jahren. Eine Identifikation mit den Relikten der altindustriellen Landschaft ist schwierig.
Die Vision


Ziel des geplanten Naturschutzgroßprojekts ist der Erhalt der vom Bergbau geprägten Landschaft in all ihren Facetten, ihre emotionale und landschaftliche Aufwertung sowie die Ausbildung einer neuen regionalen Identität. Die Wohn- und Lebensqualität der ansässigen Bevölkerung soll verbessert und der Erholungs- und Erlebniswert der Region gesteigert werden. Auch eine touristische Nutzung ist angedacht. Ein Schwerpunkt des Projekts ist die Einbindung kulturhistorischer Relikte in eine zeitgemäße Landschaftsbildung, zu der auch die Bewohner der Region einen Bezug haben. Wertvolle Bergbauflächen und Anlagen sollen unter naturschutzfachlichen Kriterien erhalten und entwickelt werden. Statt einer Musealisierung oder Sperrung ehemaliger Bergbaugebiete soll die Industrielandschaft als Erlebniswelt unter den Stichworten Abenteuer, künstliche Landschaften und Industrie-Wildnis inszeniert werden.
Im Mittelpunkt der naturschutzfachlichen Maßnahmen stehen die Haldenschüttungen und Absinkweiher. Vorhandene Waldflächen sowie Offenland- und Siedlungsbereiche sollen ebenfalls in das Konzept einbezogen werden. Die Bergehalden sollen durch Freistellung von Pionierstandorten, die Ausweisung von Sukzessionsflächen sowie die Initiierung und Förderung schutzzielkonformer Nutzungsformen gepflegt und erhalten werden. Schutz- und Nutzungskonzepte für die Weiher im Projektgebiet haben die Sicherung der Wasserversorgung, die Freistellung von Gewässerrändern und die Einrichtung von Ruhezonen zum Ziel. Begonnene waldbauliche Strategien im Prozessschutzgebiet Quierschied sollen im Rahmen des Großschutzprojekts fortgesetzt, weiterentwickelt, dokumentiert und ausgewertet werden. Ziel im kleinparzelligen Offenland ist es vor allem, die Bewirtschaftung des ökologisch wertvollen Grünlands aufrechtzuerhalten oder wiederherzustellen. Ausgewählte Flächen sollen dafür über Maßnahmen des Vertragsnaturschutzes oder langfristige Pachtverträge gesichert werden. Ein weiterer Schwerpunkt liegt auf der Vernetzung der verschiedenen Lebensräume. Streuobstwiesen, aufgelassene Steinbrüche und auch Gärten im Siedlungsbereich sollen in die Konzeption einbezogen, Bahntrassen, Gewässer, Leitungstrassen, Straßenböschungen und Straßenbegleitgrün stärker für die Vernetzung genutzt werden. "Biotope auf Zeit", wie z. B. die Einrichtung von Kleinstgewässern, soll die Entstehung von für die Vernetzung wichtigen Pionierlebensräumen fördern. Weiterhin sollen intelligente Lösungen für die durch den demografischen Wandel zunehmenden innerörtlichen Brachflächen ins Leben gerufen werden. Dazu gehören z. B. die Revitalisierung und Umnutzung leer stehender Gebäude und ungenutzter Flächen in den Ortskernen sowie die Einbindung der Gärten am Ortsrand. Damit soll mittelfristig – neben dem Naturschutz – die Identifikation mit dem eigenen Wohnort und eine Verbesserung der allgemeinen Lebensqualität der ansässigen Bevölkerung erreicht werden.
Die Partnerschaft
Als Träger soll ein Zweckverband aus den Gebietskörperschaften gebildet werden.Vereine, Verbände und Privatpersonen sollen in Form eines Beirates an den Prozessen beteiligt werden. Die Partnerschaft, die das Naturschutzgroßprojekt "Landschaft der Industriekultur Nord" umsetzen möchte, umfasst die Städte Friedrichsthal und Neunkirchen, die Gemeinden Illingen, Merchweiler und Schiffweiler, die Verbände BUND Saar, DELATTINIA (Vereinigung ehrenamtlich tätiger Naturforscher zur Erfassung der Flora und Fauna des Saarlandes), NABU Saarland und den Verband der Nebenerwerbslandwirte, die Industriekultur Saar GmbH (iks) und die Montan-Grundstücksgesellschaft mbH, Regionalbüro SaarProjekt (MGG) sowie das Ministerium für Umwelt des Saarlandes, das Zentrum für Biodokumentation des Saarlandes und den Landesbetrieb SaarForst.
Bewertung
Das Projekt ist beispielhaft für eine naturschutzgerechte Sanierung und Aufwertung industrieller Landschaften. Dabei stehen v. a. auch sozio-ökonomische Belange wie die Schaffung neuer Arbeitsplätze, Stärkung der Wirtschaftskraft insgesamt und die Tourismusentwicklung im Vordergrund.
Bemerkenswert ist, dass auch Entwicklungsbedarf bis in die Siedlungsgebiete gesehen wird, um das negative Bild der Bevölkerung vor Ort zu wenden, das im Zusammenhang mit dem Niedergang der Montanindustrie und dem damit verbundenen demografischen Wandel entstanden ist. Die Trägerschaft, die vom breiten Konsens der Akteure profitiert, sichert die tatkräftige Umsetzung des Projekts gemeinsam mit der politischen Unterstützung der kommunalen Vertreter sowie der unterschiedlichen Vereine und Verbände.
